KREATIVE UNTERHALTUNG


OHNE LANGEWEILE





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Da Geschichten

Busfahrt

Ah, willkommen, seid alle herzlich willkommen. Ihr, meine Gesichter, ich grüße euch, ihr weckt den Strom in mir, ich muss mich vor Nervosität zurechtrücken.. Ihr seid weit hergekommen: Aus Sümpfen gekrochen, packt ihr eure modrigen Unterseiten auf diese weichen Sitzkissenbezüge. Ihr seid erlesen, aus zuckenden Salzlachen gefischt, wie man euch mir, besser, wie ich mich euch entrissen habe, euch in Zeit und Raum verlor, so steht ihr noch immer mit Trennungsschmerz in den Zügen vor mir. Gesucht ward manchmal ihr von mir, oft auch mit gespreizten Mundwinkeln hinterher sehnend oder lachend, dröhnend laut brummend, penetrant sich wegwerfende Felder zur Linken, hechtsprüngige Wiesen, mit geschliffen gezogenen Wäldern zur Rechten. Panoramablicke aus Fliegen beschmierten Scheiben seid ihr, solange wir auf der Autobahnbusfahrt Gas geben, gebt ihr euer Bestes. Zeit schmeißt ihr weg, da ihr mich beglückt, und zornig wird der Himmel, oh nein, achte mehr auf's Wimmern, rastloses Auge: weint sie, die Natur, träufelt, weggewischtes Besorgen, denn Scheiben sind zum Durchschauen da und dort der Scheibenwischer wischt.
Doch worüber? Über Tränen, ja, doch Tränen worüber?
Über den verlorenen Knaben der sich selber sehend, sich seinen verflossenen Gesichter stellen müssend und ach der Liebe sehnend, dies als Zufälliges, als glückliches Können aufnimmt?
Es weint die Landschaft, meine, die draußen, es regnet, die Scheiben schmelzen weiterhin, oder nur Glas? Uns schütz also das Wasser? Die Regenplatte? Vor dem Wind und dem sich von uns Spiegelnden.
Uns, das sind: vollkörnig- lederne Durchhaltewangen, fettig silberne Kreuzworträtselmädels, blassblaue Kindersandalen, strukturbemühte Halbstarke, Vollstarke, Dialektstarke, Föhnfrisuren bis hin zu Fähigkeitsfrisuren, ungeduldige Ganggänger und Frontscheibenglotzer. Nun, in diesem kubischen Ich- Cocktail, diesem zeitlich sowie örtlich begrenzten Spiegelkabinett sollte ich mich doch richten, wenn schon nicht unterrichten können, oder?
Alte Floskeln, gewohnte Butterstullen, aufgewärmt Fremdes, aber vor allem abgelebte Neugierigkeit fässt sich in diesem Gefährt lauwarm grau an, wie abgenutztes Kinderspielzeug.
Dieser Plüschteddybär riecht muffelig, ja er beschert mir grizzlygroße Durfallgefühle.
Wieso kann man über abgeworfene Kleider nicht lachen?
Ja, der Nacken stellt sich- Zickzack- auf, ob Zeitungen oder feste Blick, ob Objekt oder nicht vorhanden, nicht nur bei mir, die Unterhosen zurren sich fest, möchten fremd bleiben, unter und bei sich, fremde Gerüche sich unerwünscht, zu Hause weiß man mehr, wem Hygenegefühl fehlt, reagiert man mit Langeweile.
Mottoliebende Mattscheiben bleiben aus, man kann ja nicht mal Livesendungen Linien getreu aufnehmen, geschweige denn für voll oder verarbeiten.
Sei es die örtliche Lawine außerhalb von innen, oder die nach außengestülpte Innerlichkeit auf den restlichen Sitzmöglichkeiten. Generell gilt: außer mir bleibt alles Rest.

Man kann Getränke bestellen.
Heiß, kalt oder ohne Temperatur, man kann aber auch den Nachbarn trinken oder sich mit Hilfe von schnell wechselnden Blicken einen Vollbusen- Halbglatzen- Drink zurechtmachen. Oder lassen. Die Stimmen der Zutaten laden dazu ein.
Nun schafft man es selten, den inneren, sozusagen hauseigenen Kellner davon zu überzeugen. Der Denkprozess landet im Mülleimer. Das Gehirn hat Sperrstunde, sobald die ersten Sinngäste betrunken sind. Lebt man trocken oder anonym, lassen sich in dieser Reisegesellschaft auch präzisere Rauschvarianten kreieren: Musische Drogen. Man wählt bei den wahlweise aus Stöpseln oder Ohrmuscheltellern schwappenden Substanzen stets zwischen elektronischem Erzeugnis oder akustischem Naturrohstoff.
Nun, mir wird leicht übel. Durcheinander herrscht vor, auch bei Sprichwörtern, die von Abstürzen wissen. Aber selbst in die größte Passivität zurückgezogen kommt man auch bei derartig rustikalen Tourismusorganisationen nicht an der differierenden Betäubungslaune meiner Ich-Passanten vorbei.. Im emotionalen Sinne gleicht dieser Raum einer einem Stahl-Beton- Konstrukt. Letzten Endes bleibt das Mobil aber freiheitlich- liberal, jeder bleibt steif.
Hingegen geworfene Scherzgefühle, erkitzelt jedoch das periodisch befestigte Klarsichtfolienquadrat, welches zum Ausstieg bei Gefahr ermutigt. Welche Gefahren meine Augen in diesem Zusammenhang darstellen, vermag mir leider kein Serviceteam zu verdeutlichen. Zumindest keins, in dem nicht auch ich betrunken werde, es gilt:
Besoffene Augen brechen Häufiger Beine als Fußballer.
Bevor ich mich hier nun übergebe, er erbricht sich der Bus diesem Gewitter meiner ständig wechselnden Empfindung, man nenne es auch meinen Körper. Wohl dem, der ihn erfassen, und nicht nur durch schwammartige Betastung erdfarben bzw. erfahren kann.
Glitzersternchen berieseln meine glotzenden Zustände (Fahrgäste), in bierbegossener Glückseligkeit dem letzten Kellner suchenden entgegen, und bestelle er auch Butter, man tränke ihm zu, wenn man noch könnte.
Doch jetzt heißt es: Einsteigen bitte.
Was darf ich ihnen bringen?
23.1.07 20:54


Berlina Luft

Ick jing ausm Haus und dachte, mir komt son Aliän entjejen, bis ick so merkt, dass dit nur so ne französische Bulldogge is, der de Ogen zu weit ausm Kopp jetreten sind! Ick fragte mir, ob dat vieh tatsache so berbast duftete, da ick dachte, dit wärn so ville Fliejen , die um dit Vieh herumschwirrtn. Doch dann las ick dit Schild, uff dem stand: „Ein französischer Flohzirkus ist in Köpenick!!“ Dat war dann nu wohl der Werbehund...
Ick lief weita und man mag it kom globen, für mir selbt ne riesje Überraschung, ne Mutantenschnack griff mir janz dreist an und wollte mir einfach meen Täschchen mopsn. Die Beinabeet, die ick im Ballett jelernt hab , wandte ick asn, um den dreisten Räuber „DIE SCHNACKE“ niedazulatschn. Dit Mutantenvieh fiel zu Boden und brach sich nen Flügl. Ick konnt mir dit Lachn nich verkneifen, als se aning zu heuln...
Danach musste ick erstmal in den nahejelejenen Park, unter nen riesen Boom lejen. Zu meim Erstaun must ick feststelln, dass dit Spideamän war, der sich da vor mir wom Boom abseilte, Der Typ stand so vor mir und zückte uff enmal ne Parücke, setzet se uff und frachte im selben Moment, ob a denn weg lofen dürfe!? Ick antwortete: Na kla! Aba nur mit wehende Haar und de Arme wedelnd inna Luft!! Und so rannte er nu davon und vaspritzte aus Vasehn sein Spinnnetz inna Jejend...
Ick war von die Ereignisse noch völli jeplättet und trat de Flucht na Hause an. Doch dann jeschah dat Unglooblichste. Ick bekam n Anruf und keena war dran.
17.1.07 19:39


Fashion for living

Große Front, ich stehe davor. Schreiendes Maul, in deine Kiefer schmiege ich mich. Kaue meine Gelüste. Automatische Tür. Automatischer Gang. Ich stehe vor dir. Automatisches Ich. Bin noch draußen, noch bin ich nicht, denn „sein“, dass heißt drinnen. Ein Schritt, nur ein Stück Wille, ein Stück Wunsch nachzugeben. Ich koste. Schon bin ich umspült. Den Kopf im Kaufmeer, Hilfeschreie verhallen unter Wasser, zerbersten im Gewühl der chemisch riechenden Lautsprecher. Links die Frau mit den hohen Wangen, den Betonbrüsten, ähnlich der Puppe vor den Schaufensterblasen. Du hast keine Augen, keine Farbe.
Wenn man dir den Arm abmontiert, dann schreist du nicht. Und wenn es Winter wird, dann weinst du nicht, nicht mal wenn du ganz alleine bist, abends, in der Umkleidekabine. Man wackelt, man tauscht: dein Siegesblick bleibt. Man sagt „alt, man sagt „neu“: Dein Siegesblick bleibt. Altes weg, Neues ran: Dein Siegesblick bleibt. Ich schäme mich vor deinen idealen Brüsten. Dich soll man kaufen. Ich ziehe mir deine Haut über die Ohren, und meine Augen reiß ich raus, und deine unermüdlichen Billardkugeln setz ich mir ein. Noch ein Spiel, noch ein Gewinn. Dein Siegesblick bleibt.
So still bist du, so exklusiv still.
Du schreist vor Wasser abweisenden Stoffen, und deine Jeans sind an den richtigen Stellen abgetragen. Deshalb bist du mir so teuer.
Bitte, Hosenfee, erscheine mir vor jeder neuen Kollektion.
Unten: Mit Muster. Oben: Ohne Muster. Halbes Muster?
Viertel Muster? Falten-, Streck,- und Spreizfussmuster?
Dankeschön. Bitteschön.
Ihr saugt an meinem Willen wie an einer aufgeplatzten Tomate, deren Samen ihr nicht auf euer neues Hemd kleckern wollt. Seid nur lieb zu mir, lieb und kompetent.

Peter Uwe
Stellvertretender
Abteilungsleiter Herrensocken
auch Übergrößen

Und diese Toast- Gesichter: Ihr schlürft mein „Aber“.
Soll ich? Muss ich? Braucht man das jetzt?
Ja! Selbstverständlich. Ja!
Aber, aber, aber wenn…
Große Tüte?
Danke, danke dass ihr meine schmutzigen Gefühle kleidet.
Abkratzen kann man da sowieso nichts mehr. Dass ist alles entzündet,
ich habe das schon probiert, das blutet nur und tut doll weh. Danke.
Ah ja, verstehe, äääh, ja. Ja. Wir hätten da zum Beispiel diese extremweichen Baumwollmaterialien, Ultraflex Wabenstruktur, allergisch getestet und vor allem: Saugfähig, falls mal was daneben geht.
So schön wickelt ihr mich ein, mit meinen Wünschen. Rutschig der kalte Boden. Es ist Herbst, die Blätter treten sich zu Matsch, die Gemüter probieren, dagegen zu halten.
Vorsicht! Rabatt. Vorsicht!
Und…

…ein Hemd? Was haben sie denn so für Vorstellungen? Sie haben keine Ahnung?
Was soll das heißen, sie haben keine Ahnung? Ganz blöde oder was? Sie wissen nicht?
Na dann probieren sie doch, dass ist gratis! Wir verkaufen auch Geschmack, und die dazu nötige Entscheidungskraft gibt’s im Kombiset mit oder ohne Vertrag.
Ich weiß nicht, ich…
Genau das ist ihr Problem. Nicht denken, und wissen schon gar nicht: Kaufen.
Na hier! Steht ihnen doch prima!
Was würde dass denn…
Bei ihrer Figur, stellen sie sich mal richtig hin…
Ganz schön dick. Aber egal. Die Dinger kommen aus Indien.
Und noch dazu bei meinem Gehalt, die können nicht viel kosten.
Der Kunde bleibt König, auch in Schattenmonarchien.
Zufrieden?
Jaja.

Ich schwanke, der Rhythmus wird mir zugespuckt, vorgehüpft. Gepresste Pobacken springen Seil. Vor meinem Hinterkopf zerfletscht ein Mädchen ihren Kaugummi, gleiche Brutalität spürt man im Gespräch mit ihrer Mutter: Die Schuhe sind schuld, da kennt sie keine Familie.
Ich klopfe mich wie ein Blinder zwischen den Regalen entlang, mein lahmer Mund sucht sich die Farben, bevor er sie schmeckt, rieseln sie aus den Zahnlücken. Bildwechsel, das Lied war langweilig. Jedes Lied eine Laune. Jede Laune ein Shirt.
Wir kaufen.
Ein und aus, rein und raus…
An mir brennt die Jacke Schweiß auf die Haut, meine Schulter tropfen, Orthopäden sind teuer, lieber ein paar Handschuhe. Doch ausziehen, wohin? Unter den Arm, die dicke Jacke, dass sähe ungeschickt aus, über die Schulter, nur zu, verspiel deine Symphatien, Menschen und Geld kann man erneuern. Aber nein, dass passt nicht. Ich bin ich, dass passt nicht.
Neues Lied, HipHop, die Hose, welches Muster denn nun? Was denn? Müsste ich das routinierter machen? Schneller? Gut, also die. Nee, stopp.

Entschuldigung?
Ja?
Haben sie die auch ohne Muster?
Ohne? Wie? Ohne Muster: ohne Hose. Also keine Hose? Ja, na klar, kostet aber mehr.
Nein, also schon die Hose, aber…
Gehen sie doch mal gegenüber zu C.A., die ham bestimmt son scheiß.
Entschuldigung.
Nichts zu danken.

Gut, schaff ich auch so, welche Größe? Die Tabelle dort. Es wird dunkel.
Drinnen heller. Antiproportionale Welten, nur Geld zählt immer gleich.
Also einfach die erste. Hose ist Hose, und wenn alles teuer ist, wird schon auch
alles cool sein. Altes Indianerehrenwort.
Die Bildschirme über der Kasse: Drei. Man tanzt im Gitter. Die Frisuren: Im Gitter.
Ich bezahle, danke – lächeln – auf wieder sehen - lächeln, der Bon, mein Testament.
Der Mensch ergänzt seine Kleidung. Ich füge mich meiner Wahl hinzu. Gut umrühren.

Hoppla…
Können sie nicht aufpassen.
Entschuldigung…
KÖNNEN SIE NICHT AUFPASSEN?
Doch, doch ja, Entschuldigung, Entschuldigung.

Da am Ausgang, die Stahlbrust, beißende Hackenschuhe trippeln dem Feierabend entgegen.
Kein Fett an der Nase, und auch keins am Hintern.

Entschuldigung.
Entschuldigung.
2.8.06 20:10


Die Stimme

Es geschah alles an einem dieser typischen Abende. Man sitzt in seinem Zimmer, starrt an die Wand, steht auf, um sinnlos auf und ab zu gehen. Der Blick auf die Uhr, als würde man auf etwas warten. Tatsächlich könnte es so sein. Die Unruhe quält einen, und man wartet, wartet auf etwas, von dem man selbst nicht weiß, was es ist. Warten auf eine Person? Auf ein Ereignis? Auf die Situation, die das ungute Gefühl im Körper erklärt oder vielleicht sogar verschwinden lässt? Man schaltet sich etwas Musik ein, um sich abzulenken, bemerkt aber schnell, dass diese nur den Soundtrack zur Situation liefert. Unfähig, die Musik wieder auszustellen gerät man nun immer tiefer in den Strudel der Unausgeglichenheit. So würde, wie es aussah, auch mein Abend enden. Ich öffnete das Fenster, atmete die angenehm klare Abendluft und sah zum Nachthimmel hinauf. Etwas traurig musste ich an den Sternenhimmel über meinem Heimatdorf denken. Ich bedauerte, dass hier in der Stadt niemals richtig die Sterne zu sehen waren. Der Himmel ist in der Nacht stets erleuchtet. Ein orangefarbener Nebel, verursacht durch jede Straßenlaterne, verhindert die absolut ungetrübte Sicht hinauf ins All. Ich schloss das Fenster wieder, zog die Vorhänge zu und blieb in Gedanken an einen schöneren Sternenhimmel noch einige Zeit ruhig stehen. Plötzlich riss mich das Klingeln des Telefons aus meinen Träumereien. Ich wartete etwas, ließ es noch 4 Mal klingeln, bevor ich mich entschloss, abzuheben. War es dieser Anruf, auf den ich wartete? Ich meldete mich wie üblich mit einem schlichten ‑Hallo!, um Fremden nicht zu viel über mich preiszugeben. Am anderen Ende der Leitung antwortete eine sanfte, mir unbekannte Frauenstimme mit einem ebenfalls schlichten ‑Hallo!. Ich fragte, was ich für sie tun könne, doch sie schwieg. Ich wiederholte die Frage. Die Stimme im Telefon machte keinerlei Anstalten zu antworten. Sie war jedoch noch in der Leitung, das konnte ich am Atemgeräusch erkennen. Verwundert legte ich auf. Sie musste sich wohl verwählt haben! Meine Gedanken wollten zurück zum Sternenhimmel, da unterbrach der Ruf des Telefons alle Ansätze. Wieder ließ ich es 4 Mal klingeln. Dann hob ich ab. Diesmal schwieg ich, genau wie meine unbekannte Anruferin. ‑Was wollen Sie? fragte ich irgendwann etwas genervt. ‑Bleib bei mir! Die Stimme ließ sich ganz klar als die, einer jungen Frau identifizieren. ‑Leg bitte nicht wieder auf!, wimmerte sie halb flüsternd. ‑Ich will nicht alleine sterben! Ich erschrak, doch aus mir noch heute nicht nachvollziehbaren Gründen legte ich nicht auf. ‑Was haben sie?, fragte ich. Ihre Antwort ließ mich vor Schreck erstarren. ‑Ich sehe dem Blut zu, wie es sich mit dem Wasser vermischt. ‑Wo befinden sie sich? Ich werde jemanden rufen, der Ihnen hilft. ‑Nein!, beruhigte mich die Stimme. ‑Lass nur! Ich will keine Hilfe. Ich möchte nur nicht alleine gehen. Ich will, dass sich wenigstens einer an mich erinnert, wenn ich fort bin. ‑Bitte sagen Sie mir& ‑Nenn mich Lisa!, unterbrach sie. Ihr Tonfall offenbarte eine eigenartige Zufriedenheit. ‑Sag mir wo Du bist, Lisa! Sie seufzte. ‑Dafür wäre es zu spät! Steh mir bei, statt mich aufhalten zu wollen. Ich bitte Dich! Völlig hilflos kam ich mir vor. Was sollte ich tun? Wie konnte ich ihr helfen? Eines war leider klar. Sollte sie sich etwas angetan haben, würde kein Krankenwagen oder Notarzt rechtzeitig bei ihr sein. ‑Gut, wie kann ich Dir dann helfen? ‑Es ist schön, zu wissen, dass alles bald vorbei ist. Aber ich fürchte mich ein Bisschen vor dem Tod. Sag, glaubst Du, dass danach etwas Besseres kommt? Darüber hatte ich mir nie richtig Gedanken gemacht. Es war mir immer gelungen, dieses Thema zu meiden. Trotzdem antwortete ich: ‑Ja, ganz sicher! Lisa lachte erleichtert. Ich hörte, wie ihr Atmen allmählich schwächer wurde. ‑Erzähl von Dir!, hauchte sie. ‑Hast Du Kinder? Ich wollte immer Kinder haben. ‑Ja, eine Tochter. Sie ist jetzt 9. Ich musste daran denken, wie die kleine ruhig schlafend in ihrem Zimmer lag. Sie bemerkte nichts von diesem Telefonat, und sollte auch nie etwas davon erfahren. Im warmen Bett eingekuschelt träumte sie sicher von irgendwelchen Tieren, um die sie sich liebevoll kümmerte. ‑Sie möchte mal Tierärztin werden., fügte ich noch hinzu. Lisas Stimme wurde nun unheimlich kraftlos. Es schien, als konnte man spüren, wie das Leben langsam ihren Körper verließ. ‑Das ist schön&das ist&Hilf ihr, & ihre Träume wahr zu machen! Sie darf ihren Traum nicht verlieren! & niemals aufgeben! & den Traum&. Plötzlich war alles still. Ein platschendes Geräusch hatte sie unterbrochen. Ich vermute, das Telefon fiel ihr aus der Hand. War es vorbei? War sie schon tot? Darauf sollte es nie eine Antwort geben. Möglicherweise verließ sie nur ihre Kraft. Sicher ist aber, dass sie in dem Fall auch nur wenige Minuten später eingeschlafen und dem Leben entronnen wäre. Nun zerschnitt die automatische Telefonansagestimme die Stille. ‑Ihre Verbindung wurde unterbrochen& Ich sackte zusammen, und begann erst da zu realisieren und zu verarbeiten. Als ich wirklich begriff, brach ich in Tränen aus. Den Rest der Nacht saß ich zusammengekauert an der Heizung und weinte. Vielleicht hätte ich mich ja für Lisa freuen sollen, vielleicht hätte mir das auch egal sein können. Immerhin wusste ich ja nicht mit Gewissheit, dass sich Lisa an diesem Abend das Leben nahm. Ich hätte schließlich auch Opfer eines morbiden Telefonstreiches sein können. Fakt ist jedoch, dass ich nur noch weinen konnte& Tränen aus Mitleid, Tränen der Trauer, Tränen der Hilflosigkeit. 2 Tage später las ich in der Zeitung von Lisa, die mit aufgeschnittenen Pulsadern in ihrer Badewanne starb. Es hieß, niemand habe es vorhergesehen, und nichts habe auf ihren wahren mentalen Zustand hingewiesen. Angehörige beschrieben sie als rund um glücklich. Sie ist nur 24 Jahre alt geworden! Ich rief in dieser Nacht weder Notarzt noch Polizei. Ich habe es auch sonst niemals jemandem erzählt. Bis heute.

copyright by KafeeJunky
31.3.06 20:13





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